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Naturreligion

Es gibt weltweit eine (mittlerweilen wieder) recht stattliche Gruppe von Menschen, die sich - offen oder nicht - zum Heidentum bekennen. Das Heidentum existiert nachgewiesen seit ein paar Zehntausend Jahren, ist somit ziemlich die älteste Religion, in den unterschiedlichsten Facettierungen. Wahrscheinlich ist diese Art des Denkens so alt wie die Menschheit überhaupt. Als gemeinsamer Oberbegriff verschiedener Gruppierungen und Denkrichtungen wird oft der Begriff "Paganismus" verwendet. Das Heidentum ist nicht etwa der Begriff für Menschen ohne Glauben, wie von christlicher Seite fälschlicherweise so dargestellt. Im Gegenteil: Pagans sind Menschen mit einem grossen Verständnis für Spiritualität, sie haben einen sehr ausgeprägten Glauben an das Universum, an die Natur und an die allgegenwärtige, universelle Energie. Sie pflegen eine Religion, die sich vollständig an der Natur orientiert. Diese Formen der naturbasierenden Glaubensrichtungen werden im Englischen oft "Earth Religions" also erdbezogene Religionen genannt. Grundsätzlich sind Heiden Menschen, die den Gott der Bibel nicht anerkennen, weil die Bibel halt ein Werk von Menschhand ist und irgend ein Bezug dieses Buchs zu einer Gottheit bis zum heutigen Tag nicht schlüssig bewiesen ist.
 
Es bestehen auch Meinungen, dass alle Religionen, die sich nicht auf die Urform des Alten Testaments abstützen (Christen, Islam, Juden) zu den Pagans gezählt werden, also z.B. auch Hindus und Buddhisten, aber natürlich auch die Druiden, die Ureinwohner Amerikas, die Taoisten etc.. Es muss einleitend bemerkt werden, dass die verschiedensten Gruppierungen innerhalb des (Neu-)Heidentums teilweise recht abweichende, grundsätzliche Auffassungen zu bestimmten Glaubensfragen haben. Dieser Text soll also mehr eine ordnende Übersicht sein und erhebt weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Genauigkeit bis ins letzte thematische Detail.
Wicca und der sehr nahestehende Hexenglaube (engl. Witchcraft) sind Glaubensrichtungen innerhalb dieser Erd-Religion. Hexen sind Menschen, die magische Handlungen vornehmen. In einigen Formen ist es Bedingung, dass eine Hexe eine Frau ist, in anderen Formen wie Wicca eben überhaupt nicht. Ein Wicca ist ein Mensch, der an eine übernatürliche Kraft glaubt (an Magie), der weiss, dass die Gottheiten beiderlei Geschlechts sind und durch die Natur repräsentiert sind, und der durch rituelle Handlungen die Zyklen der Jahreszeiten und des Lebens beachtet. Dadurch, dass ein Wicca mit Magie eng verbunden ist, kann gesagt werden, dass alle Wiccans Hexen sind.
Der Begriff Hexe wird hierzulande völlig falsch verstanden, dies als Resultat der Verleumdung und der Verfolgung durch die Christen. Heiden, Hexen, Pagans waren für sie "Ungläubige" und natürlich primär keine Kirchensteuerzahler. Das war schlecht für das Geschäft, also wurden die Heiden gezwungen, den christlichen Glauben anzunehmen und ihren Obolus zu entrichten. Und wer sich weigerte, wurde ermordet. Dann wurden Hexen in den Märchen von Grimm und in den Studios von Disney so entworfen, wie sie heute in den Köpfen der "aufgeklärten" Menschen existieren. Sie verhexen Menschen, sie essen Babys, sie sind bös... Die Wahrheit sieht natürlich anders aus. Eine Hexe ist ein Mensch, der Magie anwendet. Nichts weiter. Unter Magie ist nichts anderes zu verstehen, als dass jemand mit seinem Willen die Geschehnisse beeinflussen kann. Zu diesem Zweck engagiert er die übernatürliche Kraft, die allgegenwärtige Energie. Der Magier visualisiert einen bestimmten Zustand, er übergibt diesen Wunsch den Gottheiten, er hofft auf die Erfüllung dieses Wunsches. (Die Christen machen das auch, sie nennen es beten). Natürlich wissen Hexen über vielerlei Dinge, die der Natur entstammen, Bescheid, denn das Hexentum ist auch eine Wissenschaft. Über Kräuter und ihre Heilwirkungen etwa, über die Wirkungen von Edelsteinen, sie wissen auch, dass jedes Ding mit Energie erfüllt ist, und damit auch mit Leben, selbst wenn es sich um einen Stein handelt. Diese Denkweise war für Christen natürlich unverständlich und so dichteten sie den Hexen, aus oben genannten Motiven, all die Hässlichkeiten und Boshaftigkeiten an, die das Märchenbild der Hexe bis in die heutigen Tage prägt.
 
Hexenkraft wird übrigens sogar von Anhängern des Christentums und auch von Juden praktiziert. Einige Formen des Christentums in Mexiko und ebenso als Voodoo sind eine Mischung von Magie und Religion. Da Magie sowohl für gute als auch für böse Zwecke eingesetzt werden kann ist es wichtig zu wissen, dass Wiccans Magie nie einsetzen, um anderen zu schaden (siehe "Rede"). Andere Pagans sind Menschen der Glaubensrichtungen der Schamanen, Druiden, Kelten und einige andere. Prinzipiell kann man durchaus auch die verschiedenen Stämme der Ureinwohner Amerikas und ebenso die Aborigines Australiens dazu zählen. Die grundsätzlichen Glaubensprinzipien sind sehr ähnlich. Die Arbeitsweise eines indianischen Medizinmanns und einer deutschen Hexe sind soweit voneinander entfernt nicht.
 
Wiccas und Hexen waren ursprünglich Menschen innerhalb der Stämme und später Dörfer, die über mehr Weisheit und Wissen als die gewöhnlichen Menschen verfügten. Nicht nur über universale Zusammenhänge im allgemeinen, sondern eben auch in Heilkraft und Magie. Vor der Christianisierung war das Patriarchat viel weniger ausgeprägt. Frauen waren gleichberechigte Mitglieder der Gmeinschaften, wenn nicht sogar fast wichtiger. Und deshalb waren Hexen als "Weise Frauen" meistens anerkannt und für das Überleben des Stammes aus naheliegenden Gründen genauso wichtig, wie die Männer, die vielleicht mehr für die Jagd und später das Bebauen der Felder und Äcker zuständig waren. Diese weisen Frauen wurden oft als Priesterinnen oder Hohepriesterinnen verehrt und waren einerseits zuständig für die spirituellen Bedürfnisse des Stammes oder des Dorfes wie auch für heilende Massnahmen. Hexen waren die Vorläufer der Ärzte und Apotheker, verfügten meist über ein umfassendes Wissen um die Heilkraft der Kräuter einerseits, der anderen Energieträger wie Steine etc. andererseits. Es muss an dieser Stelle angefügt werden, dass Magie in den Naturreligionen allgemein als etwas normales, real existierendes angesehen wird. Natürlich nur nicht in der Form, wie wir es von den Gebrüdern Grimm oder von den Disney Produktionen her kennen.
 
Moderne Wiccans und Hexen leben das Gedankengut, welches seit Urzeiten in den Menschen verankert war, weiter. Für viele von uns ist es eine seit Generationen überlieferte Tradition, für andere wiederum ist es eine neue spirituelle Denkweise, oft aber auch eine Befreiung von anderen Religionsformen, in denen sie sich eigentlich nie wohl fühlten und sie betrachten es wie ein "Ankommen" nach einer langen Reise der Suche. Typischerweise sind moderne Wiccas und Hexen der Natur und ihrem Wohlergehen sehr verpflichtet, weil Umweltzerstörung direkt die von Ihnen verehrten Grundprinzipien und Grundlagen tangiert. Ein dann und wann gehörter Unterschied zwischen Wiccas und Hexen sei, dass letztere auch Zauber aussprechen, in der Regel eingebettet in begleitende Rituale, und Wiccas eher nicht. Es ist sicher nicht falsch zu definieren, dass wir unter "Zauber" in nicht unwesentlichen Teilen dasselbe verstehen, was andere Religionen unter "beten". Es geht bei beiden Handlungen im wesentlichen darum, einen Zustand resp den Ablauf eines Prozesses zu verändern, indem man diesen erst visualisiert, und dann durch Willenskraft und Überzeugung herbeiwünscht.
Richtig ist, dass sowohl Wicca als auch der Hexenglaube eine sehr spirituelle Religion darstellen. Wir Wiccans sind der Überzeugung, dass wir mit einer höheren "Kraft" verbunden sind. Einfach ausgedrückt erkennen Anhänger der Erd-Religionen, dass eine allgegenwärtige, unverselle Energie überall und zu jeder Zeit fliesst. Jedes existierende Objekt besteht aus dieser Energie, ja ihre Existenz und ihre Lebendigkeit hängt direkt von dieser Energie ab. Diese Energie ist die "kreative Kraft" und geht von der Kreativität der Göttin und des Gottes aus. Wir sind der Überzeugung, dass die allgegenwärtige Dualität in der Natur auch in der Gottheit existiert und zwar in einer sich im Gleichgewicht befindlichen Ausgewogenheit.
 
In den reinsten Ritualen wird diese universelle Energie (geschlechtslos und ohne Merkmale) angewandt resp. angerufen. Göttin und Gott sind die zweitreinste Form dieser Energie (geschlechtlich und in einer menschlichen Form). Die meisten Menschen bevorzugen es, die Göttin und den Gott anzurufen und um ihre Hilfe zu bitten, anstatt direkt mit der kreativen Energie anzubinden. Weil Göttin und Gott besser erreichbar sind für menschliche Anliegen. Die drittreinste Form der universellen Energie ist eine zweite Gruppe von Göttinnen und Götter. Diese Götter und Göttinnen sind für verschiedene Aspekte unseres Lebens zuständig, so wie die Göttin Venus etwa für die Liebe.
Ja, Wiccans setzen ihre Sinne verstärkt ein, was uns erlaubt, mehr von der Welt zu spüren und die Welt um uns mit Dankbarkeit zu erfahren. Wir geniessen die Dinge des Lebens, weil sie auch natürlich sind. Nahrung, Musik, Gesang, Schreiben, Lesen, Freundschaft und, ja... auch Sex. Sex ist ein Teil des menschlichen Wesens und wir Wiccans verstehen den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit.
 
Wichtig zu wissen ist auch, was Wicca nicht ist:
Wicca ist kein Satanskult und auch kein Anti-Christentum. Satan ist eine Erfindung der Christen, er existiert für uns Wiccans nicht. Wiccans fühlen sich eigenverantwortlich für ihr Tun und nicht von einem Satan motiviert. Wir gehen nicht herum, um anderen zu schaden, böse Zauber zu sprechen und das Schlechte in die Welt zu bringen. Viele von uns tragen ein Pentagramm oder ein Pentacle, aber unseres ist nicht verkehrt herum, sondern mit der Spitze nach oben.
Wiccans machen keine blutigen Rituale, wir opfern keine kleinen Kinder oder Tiere und wir machen keine Vergewaltigungsrituale an Jungfrauen. Wicca Rituale sind nicht eine Entschuldigung für Orgien und sexuelle Ausschweifungen, die Einbindung unschuldiger Kinder oder das Zusammentreffen mit Dämonen.
Wiccans machen keine wilden Parties, geprägt vom Konsum von Alkohol und Drogen, während sie dem Vollmond huldigen.
Wiccans sprechen keine Zauber aus, ohne die Einwilligung der Leute, für die sie wirken sollen. Wir sprechen auch keine Liebeszauber aus, weder für sich, noch für andere.
Wicca ist keine Sekte. Wir missionieren nicht und bekehren nicht, niemand geht von Haus zu Haus und verteilt Schriften. Und wir wollen von niemandem bekehrt werden. Wir suchen niemanden, aber wenn jemand zu uns stossen will, dann ist er willkommen.
 
Wicca ist keine geld- oder macht-getriebene Religion. Es gibt kein Oberhaupt, keine Struktur, keine Organisation, keinen Mitgliederbeitrag, keine Versammlungslokale.
Wiccans sind Leute wie Du und ich. Wir sind vielleicht etwas umweltbewusster, ernähren uns natürlicher und lieben es, in der freien Natur zu sein. Wir brauchen keine Tempel und keine Kirchen, die Natur ist unser Ort um uns mit den Gottheiten zu treffen. Wir lieben Tiere und kleine Kinder, und uns selber auch. Wir rennen nicht jedem Dollar nach, für uns ist der Herzinfarkt nicht die Erfüllung beruflichen Überengagements. Statt dessen versuchen wir, denen um uns zu geben, das zu lieben und zu bewundern was in uns und um uns steckt. Wir versuchen, ein aktives Leben zu leben, statt nur auf die Welt um uns herum zu reagieren. Grundsätzlich wenden wir unsere Spiritualität an, um unser Leben hier und jetzt positiv zu beeinflussen, nicht um einer Gottheit zu gefallen, die uns nach dem Tod für unsere Wesensart belohnt oder bestraft. Wiccans glauben an die Reinkarnation, weil die Natur im Gesamten ein sich ständig erneuernder Prozess darstellt und es folgerichtig ist, dass dies auch für den Menschen gilt. Das Paradies kommt nicht nach dem Tod, es existiert hier und jetzt, in der realen Welt und in der Anderswelt. Wir müssen es nur sehen lernen.
März 2001 © Thalosgan
 
Einzelne Textpassagen original aus Mother's Book of References