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Moderne Naturreligion


Wenn ich mit jemandem auf das Thema Wicca, meiner Lebensphilosophie zu sprechen komme, werde ich natürlich immer sofort erklärungsbedürftig. Wicca ist den Menschen auf unseren Breitengraden und in unserer Gesellschaft fremd. Hier kennen wir die Christen, die Muslime, die Juden, vielleicht noch die Buddhisten oder die Hindus. Letztere schon wesentlich weniger. Hier ist "man" Christ, das gehört sich so, dass ist normal. Ich selber konnte mich damit nie anfreunden, als Kind schon nicht. Mir waren die christlichen Geschichten nie einen Pfifferling wert und so machte ich das Ganze lediglich aus Rücksicht auf meine Mutter mit. Ich wurde konfirmiert, kam mir äusserst blöd vor dabei und trat einige Monate später aus der Vereinigung aus. Völlig erleichtert und befreit. Damals habe ich noch nicht gedacht, dass ich einmal zum Heidentum finden würde. Es ist auch eine andere Geschichte, ich erzähl die später. Vorerst ist es mir ein Anliegen, zu erklären was Wicca nun ist.
Es gibt Personen, die können sich besser in Worte fassen als ich. So jemand ist die Schriftstellerin und Rechtsanwältin Phyllis Curott, einer Wicca Priesterin mit über zwanzigjähriger Praxis und einer Kennerin der Hexenkunst. Ich füge hier einen Text aus ihrem Buch "Spirituelle Magie - Die hohe Kunst der Heiler und Hexen" an, der bestens erläutert, wie wir modernen Hexen oder Heiden oder Wiccas oder Schamanen denken und leben. Alle diese Begriffe sind gültig, verwandt und austauschbar, wie Du sehen wirst.
 
Thalosgan, September 2004
 
EINE RELIGION IN ENTWICKLUNG
Das heutige Wicca ist eine moderne, vitale, dynamische Religion. Diese Behauptung scheint im Widerspruch zu dem Mythos um unseren Ursprung zu stehen, dem viele doch so lange nachgehangen haben. Eine vollständige Analyse der geschichtlichen Ursprünge der Hexenkunst würde viele Bände füllen und am Ende doch immer noch manches der Spekulation überlassen. In letzter Zeit sind einige sehr gründliche und sorgfältig recherchierte Werke erschienen (siehe Literaturanhang), die die Annahme in Frage stellen, daß es sich bei der modernen Hexenkunst um eine historisch ungebrochene, organisierte, überlieferte Tradition handelt, die sich bis in ein goldenes Zeitalter des Matriarchats und der Verehrung einer einzigen Großen Göttin zurückverfolgen ließe. Es hat aber auch stets Individuen gegeben, die behaupteten, Eingeweihte einer Überlieferungslinie zu sein, die nur im Verborgenen existiert - und es ist tatsächlich nicht auszuschließen, daß es Erbüberlieferungen gibt, die erst beim Anbruch sicherer Zeiten ans Tageslicht zu treten bereit sind.
Als ich vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal zu dem Coven stieß, der mich einweihte, glaubte ich auch daran, Teil einer uralten, ungebrochenen Überlieferungslinie zu sein. Tatsächlich sind die Quellen des zeitgenössischen Wicca sehr viel komplexer und in mancherlei Hinsicht viel faszinierender. Tatsache ist, daß sich die Ursprünge eines großen Teils unserer heutigen Praxis auf den kreativen Geist von Gerald Gardner zurückverfolgen lassen, der im England der späten 40er und frühen 50er Jahre an die Öffentlichkeit trat, nachdem dort die Strafgesetze gegen Hexerei und Vagabundentum aufgehoben worden waren. Obwohl es den Anschein hat, daß er tatsächlich in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in England von einer Hexe eingeweiht wurde, bediente Gardner sich doch einer außerordentlichen Vielfalt verschiedener Quellen, um viele der grundlegenden Ritualstrukturen zu erschaffen, wie sie heute gemeinhin verwendet werden.
Damit soll nicht behauptet werden, daß es keine Praktikanten der Hexenkunst oder La Vecchia Religione, also der Alten Religion, gegeben hätte. Tatsächlich haben die wichtigen, in jüngster Zeit veröffentlichten Forschungen von Professor Robert Mathiesen von der Brown Universitiy, wie sie ihren Niederschlag in der Neuübersetzung von Aradia oder das Evangelium der Hexen fanden, den Nachweis geführt, daß dieses einflußreiche Werk des amerikanischen Volkskundlers Charles Godfrey Leland in der Tat auf Material beruhte, wie es ihm durch eine historisch existente Frau, Maddalena, überreicht wurde, die Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Florenz lebte. Sie war eine praktizierende strega, die italienische Bezeichnung für Hexe, die ihm die Gesänge, Zauber, Invokationen und Geschichten der Alten Religion vermittelte, die sie selbst kannte und bei anderen Praktikantinnen kennengelernt hatte. Heute wissen wir, daß es seinerzeit tatsächlich vorchristliche Religionen gegeben hat, die das Christentum überdauert hatten, und daß Lelands Aradia die Quelle für Teile der Anrufung der Göttin darstellte, dem wohl wichtigsten und einzigartigsten Teil zeitgenössischer Wicca-Liturgie.
Es gab noch in der Neuzeit Praktikanten verschiedenster Formen eines alteingesessenen »Heidentums«, das dem Christentum um mehrere Jahrtausende vorausging. Doch der Hexenkult, wie wir ihn heute praktizieren, unterscheidet sich notwendigerweise von dem, was wir über die Praktiken unserer Vorfahren wissen. Wicca ist eine lebendige, herrlich kreative Religion, ein Gewebe aus reichen Traditionssträngen, mit bemerkenswerten und faszinierenden Einflüssen, zu denen die Freimaurerei ebenso gehört wie die elegante Golden Dawn, Lelands Aradia, Mythologie und Volkspraktiken, der amerikanische Pantheismus und Transzendentalismus des neunzehnten Jahrhunderts, die Dichter der Romantik, wichtige Gestalten wie Doreen Valiente und andere, die subkulturellen Experimente der 60er, die den amerikanischen Feminismus einleiteten, Spiritualismus, Yoga, Buddhismus, Schamanismus, bewußtseinserweiternde Drogen, C. G. Jung... die Liste ist schier endlos. Und sowohl Archäologie als auch Linguistik, Mythologie und die Überreste uralter Kulturen beweisen uns, daß es Göttinnen wie Isis, Inanna, Demeter, Persephone und viele weitere gab, deren Kult einmal das zentrale religiöse Mysterium der frühen abendländischen Kultur ausmachte.
Wir wissen auch, daß es weise Männer und Frauen gab: Benadenti und streghe, Schamanen und Priesterinnen. Wir wissen, daß die jahrhundertelangen Hexenverfolgungen katastrophale Auswirkungen auf die Stellung der Frau und die allgemeine Verkennung der Hexen hatte, wie auch all dessen, was diese glaubten und praktizierten. Ebenso wissen wir, daß wir vorchristliche Vorfahren in ganz Europa und im Nahen Osten hatten, die Göttinnen verehrten, das göttliche Wesen der Welt erfuhren, in der wir leben, und schamanische Techniken praktizierten. Diese Vorfahren hinterließen uns ein Erbe der Folklore und Volkspraktiken, Anrufungen und Beschwörungen, Zauber und Heilrezepturen, Feiertage und Heiligtümer, die uns dazu anregen, immer tiefer zu graben, um uns unser Erbe erneut anzueignen. Ja, dies ist möglicherweise ihr größtes Geschenk an uns, regt es uns doch zu vermehrter Aktivität bei der Wiederentdeckung unserer Vergangenheit an, während wir zugleich die Verantwortung für das Erschaffen unserer Zukunft übernehmen.
Und dies ist möglicherweise zugleich das größte Geschenk des modernen Wicca - eine tiefe persönliche Spiritualität, die von jedem ihrer Praktikanten selbst geformt wird. Indem wir unsere verschiedenartigen Einflüsse akzeptieren und übernehmen, werden wir zu größerer Kreativität bei der Gestaltung unserer Zukunft angeregt. Für die Hexe ist das sich entfaltende Wissen darum, wer wir sind und woher wir kommen, etwas Befreiendes, Inspirierendes und Bemächtigendes - und es ist voller Magie.
Daher möchte ich hier etwas Radikales, Realistisches und Neues einbringen: Die Legitimität des modernen Wicca als bedeutungsvolle, mächtige und wirkliche Religion hängt nicht von einer ungebrochenen, erblichen, organisierten Übertragungslinie ab. Tatsache ist, daß das größte und am tiefsten reichende kulturelle und historische Phänomen die Geburt einer neuen Religion ist. Zwar mag die Hexenkunst in einem realistischen wie romantischen Sinne die Wiedergeburt einer alten Religion darstellen, doch schlußendlich markiert das Phänomen des modernen Wicca die Geburt einer neuen Religion.

WARUM WICCA?
Neue Religionen treten dann auf, wenn alte Religionen die Wirklichkeit nicht mehr erklären und den Bedürfnissen der Menschen nicht mehr entsprechen können. Mit dem modernen Hexenkult erschaffen wir im Kollektiv eine Religion, die sich ausdrücklich unseren Bedürfnissen widmet, und dies ist es auch, was Wicca zur dynamischsten und aufregendsten Religion dieser nachchristlichen Ära macht.
Wicca respektiert all jene, die sich bis heute machtlos gefühlt haben, und es bietet ihnen echte Ermächtigung. Frauen haben im Wicca ein spirituelles Zuhause gefunden, weil es die einzige westliche Religion ist, die sowohl eine Göttin als auch einen Gott kennt, und weil Wicca Frauen als spirituelle Führerinnen und Priesterinnen ehrt. Ein weiterer Grund für die wachsende Beliebtheit des Wicca ist seine Verehrung der Erde als etwas Heiligem, eine spirituelle Wertigkeit, die sich den schrecklichen Umweltkrisen widmet, vor denen wir heute stehen. Wie unsere Vorfahren lernen auch wir von der größten aller Lehrerinnen, der Natur, und erkennen den ihr innewohnenden Wert.
Im Zeitalter der Psychologie verlangt Wicca von uns (und inspiriert uns dazu), tapfer unser Schattenselbst (unsere Ängste, Hemmungen, Konflikte, Neurosen und destruktiven Muster) anzuerkennen und von ihm zu lernen, anstatt es zu unterdrücken. Wicca ist eine Religion der Freude und nicht der Bestrafung, der Liebe und nicht der Furcht, der Praxis und nicht des Glaubens. Es ist ein persönlicher Pfad der Selbsterforschung, des inneren Wachstums und der Verant wortlichkeit, der uns zu der Einsicht führt, daß unser Leben eine spirituelle Reise ist, mit dem Ziel einer echten und intimen Erfahrung des Göttlichen.
Wicca ist eine Spiritualität, die dem modernen Temperament hervorragend entspricht. Es kennt keine Gurus, keine Hierarchie, kein Dogma. Statt dessen stellt es ein System wirkungsvoller Praktiken zur Verfügung, die jeder bemeistern kann, und das die Tür zu der göttlichen Welt öffnet, in der wir leben. Der Hexenkult widerspricht nicht unserer Rationalität, zudem der Mensch in einer rationalen Welt das Göttliche Selbst erfahren muß, anstatt nur an eine Gottheit zu glauben, die weit von ihm entfernt bleibt.
Für mich persönlich gesprochen widmet Wicca sich direkt vielen Dingen, die ich schon als Kind wußte, daß nämlich das Göttliche in der Natur und ihren Abläufen präsent ist, daß es auch in uns wohnt und daß die Macht der Liebe etwas Magisches ist. Das macht vielleicht seine größte Anziehungskraft aus. Es ist eine spirituelle Praxis, die jedermann sich aneignen kann, um erneut die Verbindung zur Göttlichkeit herzustellen und das eigene Leben mit Macht zu erfüllen. Wicca ist eine Religion, die die innewohnende Göttlichkeit unserer Welt anerkennt, doch nicht als abstraktes Prinzip, sondern als lebendige Erfahrung. Und genau darum geht es, wenn man sich zur Hexe entwickeln will.
Heute führen wir Wicca auf ein neues Niveau. Wir haben erkannt, daß unsere Religion genau wie die Natur, unsere große Lehrerin, sich ständig weiterentwickelt. Ich bin von tiefem Stolz erfüllt, an diesem weltverändernden Geschehen teilzunehmen. Und ich wünsche mir, daß Sie in diesem Buch einen würdigen Beitrag zu diesem historischen Prozeß finden, wie auch zu ihrer eigenen spirituellen Suche.
 

Phyllis Curott, New York 2001